Die «Terror-Prinzessin»
- Rebekka Bachmann

- 26. März
- 5 Min. Lesezeit

Foto: ChatGPT, image generator
«Nein! Ich will einfach nicht!» Nach einem Online-Event hörte ich plötzlich diese fünf deutlichen Worte in mir! Ich war so erstaunt über die Vehemenz, denn ich weiss ganz genau, was ich eigentlich tun möchte. Und plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen, warum ich – so sehr ich auch will – einfach nicht in Bewegung komme.
Ein Teil in mir hat irgendwann gelernt, dass ich zu viel werden kann. Zumindest für die Menschen um mich herum. Und dass das gefährlich sein kann. Also hat dieser Teil eine Entscheidung getroffen: Es ist sicherer, still zu bleiben. Zu warten. Auf bessere Zeiten, auf Godot oder auf wen auch immer.
Ja, ich weiss. Ich habe es selbst schon unzählige Male gehört – und du wahrscheinlich auch. Diese inneren Anteile haben eine sehr klare Aufgabe: Sie halten uns davon ab, uns erneut in Situationen zu bringen, die sich «nach früher» anfühlen. Situationen, in denen wir uns ganz zeigen würden – und dabei wieder anecken und vielleicht sogar Verbindung riskieren.
Und ja, ich weiss auch: Das ist mein Lebensthema. Und obwohl ich weiss, dass diese kleine Prinzessin nicht gegen mich arbeitet, sondern – im Gegenteil – für mich ist, könnte ich sie manchmal auf den Mond schiessen. Oder ins Pfefferland.
In meinem Erleben hält sie mich von meinen eigenen Träumen ab. Und zwar mit einer Vehemenz, die mich immer wieder an meine eigenen Grenzen bringt. Diese fünf Worte kamen so unerwartet – und waren gleichzeitig so glasklar –, dass ich plötzlich verstand, woher meine sogenannte «Prokrastination» wirklich kommt. Dass ich weder faul noch unmotiviert oder unklar bin.
Seit einigen Monaten sortiert sich in meinem Leben sehr viel. Und durch eine intensive Innenschau wurde für mich mein wohl ursprünglichster Lebens-Konflikt sichtbar: wie sehr ich zwischen mir, dem, was ich wahrnehme, und der Verbindung zu anderen hin- und hergerissen bin.
Ich beginne zu verstehen, warum ich derzeit so viele Spannungen erlebe. Warum manche Dinge mich schneller an meine Grenzen bringen. Warum ich mich in den vergangenen Tagen so müde gefühlt habe. Wie sehr ich mit mir selbst im Kampf bin. Und mir wurde klar, wie sehr ich diese Kleine bekämpfe – und sie mich im Gegenzug zurückbekämpft. Denn mein Vorgehen – kleine Schritte, Klärung, Vorwärtsgehen – bedeutet für sie nur eines: «Achtung, Gefahr!»
Schon seit Tagen sitze ich wieder da. Mit Ideen. Mit Worten. Mit dem Wunsch, nach draussen zu gehen. Mich mit all dem zu zeigen, was ich nach aussen tragen möchte. Und gleichzeitig spüre ich dieses leise, aber sehr bestimmte: «Nein! Nicht jetzt. Nicht so. Nicht sicher.» Und plötzlich nehme ich den Staubsauger in die Hand und sauge meine Wohnung. Obwohl ich mit dem Staubsauger so gar nicht gut befreundet bin. Oder ich beantworte noch schnell eine Nachricht, obwohl sie nicht wichtig ist. Oder ich verliere mich mal wieder in meiner Perfektion. Oder ich mache mich wieder auf die Suche nach der Kanone, auf der «fürs Pfefferland» steht… Und am Ende des Tages bleibt dieser Satz, der mich schon seit Monaten begleitet: «Ich komme nicht ins Tun.»
Und dann taucht eine neue Frage auf: Was, wenn nicht das Tun das Problem ist? Was, wenn dieses «Nicht-Tun» die hochintelligente Reaktion auf eine innere Spannung ist, die noch nicht gehalten werden kann? Eine innere Spannung zwischen dem, was ich eigentlich will – und dem, was sich sicher anfühlt.
Denn unter der Oberfläche passiert etwas ganz anderes. Ein Teil in mir weiss sehr genau, was für mich wahr ist. Was ich sagen möchte. Wofür ich stehe. Was ich in die Welt hinaustragen möchte. Und gleichzeitig gibt es einen anderen Teil, der spürt: «Wenn ich damit rausgehe, könnte sich etwas verändern.» Vielleicht sieht mich dann jemand plötzlich anders als bisher. Vielleicht passe ich plötzlich irgendwo nicht mehr so gut rein. Oder vielleicht wird jemand plötzlich still und wendet sich ab.
Ja, wenn wir mit etwas rausgehen, das uns wichtig ist – wenn wir uns mit etwas zeigen, das für uns nicht mehr verhandelbar ist –, kann sich etwas verändern. Beziehungen. Zugehörigkeit. Die Art, wie wir gesehen werden.
Zwischen dem, was wir eigentlich sagen möchten – und dem, was wir glauben, sagen zu dürfen, ohne dass wir die Verbindung verlieren oder dafür angegriffen, abgelehnt oder ausgelacht werden. Und genau hier beginnt die eigentliche Bewegung. Nicht zwischen Tun und Nicht-Tun. Sondern zwischen «Wahrheit und Bindung».
Vor kurzem traf ich eine Freundin, die ich – aufgrund meiner Innenschau – gut ein Jahr lang nicht mehr gesehen hatte. Bei unserem Wiedersehen entstand ein Moment der Irritation. Die Freude über das Wiedersehen war auf beiden Seiten gross. Doch sie spürte schnell, dass etwas an mir anders war. Sie sagte zu mir: «Du bist die Gleiche – und dennoch bist du es nicht.» Dieser Moment der Irritation blieb eine Weile. Und trotz der Anspannung, die ich zwischen uns fühlte, blieben wir beide da. Nach einer Weile fanden wir einen neuen Zugang zueinander. Ja, mein Wandel führte zu einer kurzzeitigen Irritation – doch unsere Verbindung konnte wieder fliessen. Tief, vertraut und doch neu.
Genau solche Momente sind es, die meine Terror-Prinzessin fürchtet. Was geschieht mit meiner Zugehörigkeit, wenn ich meiner eigenen Wahrheit folge? Wenn ich ganz und gar für mich einstehe? Wenn ich meinem ganz eigenen Weg folge? Gehöre ich dann noch dazu?
Meine Terror-Prinzessin entscheidet sich in diesen Momenten nicht gegen mich – sie entscheidet sich für Sicherheit. Für Vertrautheit. Für das, was sie kennt. Und diese Welt, die ich mir so sehr wünsche, kennt sie nicht. Diese Welt ist unbekannt – und genau das macht sie für sie gefährlich. Und so sorgt sie dafür, dass ich mich zurückziehe, still werde und warte. Oder dass ich alles perfekt vorbereite – und doch wieder in meinem stillen Kämmerlein bleibe.
Vielleicht geht es gar nicht darum, dass alles gleich bleibt, sondern dass sich Zugehörigkeit verändern darf, wenn ich meiner Wahrheit folge.
Lange Zeit habe ich geglaubt, ich müsste diesen Teil überwinden. Ihn verändern. Ihn beruhigen. Und ihn «in den Griff bekommen». Heute sehe ich etwas anderes. Ich muss ihn nicht loswerden. Ich lerne, bei mir zu bleiben, während er da ist.
Denn genau dort entsteht etwas Neues. Nicht, indem ich mich zwinge. Und auch nicht, indem ich stehen bleibe. Sondern indem ich beginne, diese Spannung zu halten. Und plötzlich wird klar: Es ging nie alleine ums Tun, sondern vielmehr darum, dass ich meine Wahrheit spüre und gleichzeitig in Beziehung bleibe. Ich kann mich zeigen – ohne mich selbst zu verlassen. Und genau hier beginnt der Moment, in dem ich mein Leben wieder bewusst gestalte.
Zu Beginn sind es leise Dinge. Manchmal ist es nur ein Satz wie: «Ich sehe das anders.» Oder: «Ich brauche kurz Zeit für mich.» Ein anderes Mal ist es ein Gedanke, den ich teile, ohne ihn vorher zu glätten. Und wieder ein anderes Mal sind es diese kleinen Schritte, die für das Aussen unspektakulär wirken, für uns aber echte Mutproben sind. Denn manchmal sind es genau diese ehrlichen Schritte, die sich nicht schön anfühlen müssen, um wahr zu sein.
Und genau dort beginnt die Veränderung. Nicht in der grossen Entscheidung, sondern in diesem einen Moment, in dem ich nicht mehr automatisch zurückweiche.
Meine Terror-Prinzessin ist noch da. Und sie darf da sein. Doch ich entscheide mich, die Führung zurück zu mir zu nehmen.
Heute gehe ich. Mit einem kleinen Schritt. Nicht gegen sie – sondern mit ihr, während sie noch immer gegen das Unbekannte kämpft.
Autorinnenschaft: Rebekka Bachmann – im schöpferischen Dialog mit KI




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