Warum wir unsere Wahrheit zurückhalten – und was das in der Führung bewirkt
- Rebekka Bachmann

- 7. Apr.
- 6 Min. Lesezeit

Foto: ChatGPT, image generator
An einem Nachmittag im Frühling sitze ich mit meinen Teamleiterkollegen in einem Meeting. Der neue Abteilungsleiter ist da und möchte uns kennenlernen. Unser direkter Vorgesetzter hatte uns die Aufgabe gegeben, uns vorzustellen. Ich mochte noch nie 08-15, und so ist für mich schnell klar, dass ich keine PowerPoint-Präsentation vorbereiten werde, sondern stattdessen ein paar Gegenstände mitnehme, die mich repräsentieren.
Als dieser Nachmittag kommt, sitzen wir gemeinsam im Raum. Nachdem der neue Abteilungsleiter mit seiner Vorstellung endet, übergibt er an uns. Die Teamleiter vor mir nutzen PowerPoint – klare Slides, strukturiert, nachvollziehbar. Dann bin ich an der Reihe. Ich ziehe den Sack mit meinen Gegenständen unter meinem Stuhl hervor und sage: «Ich habe mir etwas anderes überlegt als eine klassische Präsentation. Ich stelle mich heute anhand von Dingen vor, die mich ausmachen.»
Kaum habe ich diesen Satz ausgesprochen, geht ein Raunen durch den Raum. Ich sehe hochgezogene Augenbrauen, höre leises Getuschel, nehme ein kurzes Seufzen wahr, eine Irritation, die sich fast greifbar zwischen uns legt – und genau in diesem Moment passiert etwas in mir.
Eine Hitze schiesst in mir hoch, als ob ein Grossbrand im ganzen Körper ausgebrochen wäre. Und kaum ist die Hitze entflammt, zieht sich auch schon alles in mir zusammen. Die Hitze ist weg, und mit ihr meine Gedanken. Ich bin körperlich noch anwesend – und gleichzeitig ist ein Teil von mir innerlich verschwunden. Ich spreche weiter, irgendwie, bringe meine Vorstellung zu Ende, doch wie genau, weiss ich nicht mehr. Was bleibt, ist nur dieses eine Gefühl, das sich eingebrannt hat: Ich habe mich unendlich geschämt.
Dieses Erlebnis war kein Einzelfall in meinem Leben. Solche Situationen tauchten – so und in ähnlicher Weise – immer mal wieder auf. Meistens dann, wenn ich mich mit meinen Ideen vor einer Gruppe Menschen zeigte. Und nein, das ist kein Lampenfieber, wie man es beispielsweise vor dem Halten einer Rede kennt. Denn auch Lampenfieber kenne ich – und das fühlt sich anders an.
Diese Scham tauchte immer erst nach einer Aktion auf. Nach einer Präsentation vor einer Gruppe, nach einer Äusserung in einem Meeting, nach einer Verständigungsfrage meinerseits in einer Sitzung. Es geschah immer nach diesem Moment, in dem ich etwas ausgesprochen hatte, so dass mich innerlich etwas zum «Verschwinden» brachte. Und dabei ging es nie darum, dass ich meine Ideen nicht gut fand oder dass mir Klarheit gefehlt hätte. Es ging vielmehr um die Reaktionen im Aussen, die mich so sehr überforderten, dass «aus der unangenehmen Situation verschwinden» der einzig gangbare Weg für mich zu sein schien.
Das Verrückteste an dieser Sache – und auch das, woran ich fast verzweifelte, – war, dass dieser Impuls zum Verschwinden immer so rasend schnell kam, dass mein Verstand nur noch hinterher hinken konnte. Es dauerte immer eine ganze Weile, ehe ich mich selbst wieder spürte, ehe dieser Teil wieder zurückfand und ehe ich mich selbst wieder beobachten konnte. Diese Angelegenheit war so unverständlich, dass sich mir jedes Mal die gleiche Frage stellte: «Was um alles in dieser Welt ging da eigentlich vor sich?»
Lange habe ich geglaubt, das sei einfach «mein Thema», etwas Persönliches, eine Schwäche, die nur ich erlebe. Doch irgendwann begann ich zu erkennen, dass solche Geschehnisse nicht nur in mir passieren, sondern überall dort, wo Menschen zusammenarbeiten. Dort, wo Menschen Verantwortung tragen und gleichzeitig in Beziehung bleiben wollen.
Ich erinnere mich an eine andere Situation mit einem Vorgesetzten. In meinem Team wurde gemobbt. So suchte ich das Gespräch mit ihm, benannte, was ich selbst wahrnahm und was mir von Mitarbeitenden konkret mitgeteilt wurde. Ich hoffte auf Klarheit, auf Führung, auf ein gemeinsames Hinschauen – und vor allem auf ein gemeinsames Handeln. Doch seine Entscheidung fiel anders aus. Die Situation wurde unter den Teppich gekehrt. Er war weder für Klärung noch für Positionierung, geschweige denn für eine Intervention, offen. Stattdessen verschlimmerte sich die Situation im Team. Es folgten Kündigungen und die Eskalation steigerte sich massiv.
Dasselbe Muster – in mir und im System
Erst viele Jahre später begriff ich, dass das, was in mir im Meeting geschah, und das, was mein Vorgesetzter unter den Teppich kehrte, demselben Muster folgten. Einem Muster, in dem Spannung entsteht, die äusserst unangenehm und kaum auszuhalten ist. So wie ich im Meeting die Reaktionen im Raum als Spannung erlebte und innerlich aus der Situation verschwand, wich auch er dieser Spannung aus. Er griff nicht ein, stellte sich nicht hin und übernahm keine Führung. Hinzublicken und zu handeln hätte ihn genau dorthin geführt, wo ich selbst über Jahre nicht bleiben konnte.
Genau in solchen Momenten entscheiden wir uns häufig für ein Verhalten, das wir mit Harmonie gleichsetzen. Diese vermeintliche Harmonie bewirkt jedoch etwas ganz anderes als ein friedliches Miteinander. Denn bei genauerem Hinsehen ist es vielmehr eine Form von Rücksichtnahme. Eine Rücksichtnahme, die alles vermeidet, was es für Wachstum bräuchte. Und zwar im Menschen wie auch in Systemen. Aus dieser Art von Rücksichtnahme werden Augen verschlossen, Konflikte unausgesprochen verschoben und Entscheidungen vermieden oder sogar hinausgezögert – in der Hoffnung, dass sich das Problem von selbst löst. Dieses Verhalten ist oft verbunden mit Aussagen: «Das klärt sich von allein» oder «die können das selbständig regeln, schliesslich sind die ja alle schon erwachsen».
Was wir ganz allgemein in Beziehungen und insbesondere in der Führung unter den Teppich kehren, gärt unkontrolliert weiter. Denn die Spannung verschwindet nicht einfach. Sie bleibt und sie triggert. Genau so wie mit dem rosaroten Elefanten im Raum. Er ist so offensichtlich und präsent und wird dennoch von allen Beteiligten ignoriert oder verdrängt. Und so wird Spannung noch unerträglicher und triggert noch weiter.
Interessanterweise geschieht oft Folgendes: Irgendwann übernimmt ein Unbeteiligter diese Spannung und beginnt sie zu tragen. Damit übernimmt er eine Last, die nicht zu ihm gehört. Darüber hinaus übernimmt er eine fremde Verantwortung, sucht nach Lösungen oder probiert, die Dinge zusammenzuhalten. Mit diesem Versuch entzieht er genau jenen die Verantwortung, die sie eigentlich tragen müssten. Was im Einzelnen nicht getragen werden kann, beginnt im Grossen zu bröckeln. Denn wenn Handlung ausbleibt, bleibt Reibung aus – genau die Art von Reibung, die es bräuchte, damit etwas wirklich wachsen kann. Was als Harmonie verstanden wird, trägt weder den Einzelnen noch das System. Sie wird zu einem Zustand, der nicht länger verbindet, sondern schwächt.
Vielleicht kennst du diese Momente. Also nicht den Moment mit dem Lampenfieber davor – sondern den Moment danach. Nachdem du dich geäussert hast und es sich danach nicht leichter, sondern noch schwerer anfühlt. Vielleicht bist du aber auch schon auf dem nächsten Level. Du weisst ganz genau, was gesagt werden müsste – und trotzdem entscheidest du dich fürs Schweigen. Weil in dir etwas auftaucht, das dich zurückhält. Etwas, das sich deinem Zugriff entzieht. Etwas, das dich aus der Situation herauszieht, noch bevor du mit deinem Verstand greifen kannst, was geschieht.
Es dauerte beinahe fünf Jahrzehnte, bis ich wirklich verstand, was in mir geschieht. Dass nicht das Aussen das Problem ist, sondern dass etwas in mir auf die veränderte Stimmung im Aussen reagiert. Dass dieses «etwas» mir eine Gefahr signalisiert und im Innern so viel Spannung erzeugte, die ich nicht halten konnte. Es ist die Spannung zwischen «ich will so sein, wie ich bin» und «in Verbindung mit Menschen zu bleiben». Es geht um die Ur-Angst von uns Menschen, dafür abgelehnt zu werden, wie wir sind, wofür wir stehen, wie wir uns verhalten, wo wir welche Position beziehen, wie wir denken und wie wir sprechen.
Heute nenne ich dieses Thema «Wahrheit vs. Bindung». Die Verletzungen unserer eigenen Wahrheit und der tiefe Wunsch, dennoch verbunden zu bleiben, beginnen so früh in der Kindheit, dass sich die früh erlernten Strategien und die damit verbundenen Dynamiken unserem bewussten Zugriff komplett entziehen. Denn in diesem zarten Alter ist es nicht unser Verstand, der entscheidet, wie wir auf unser Umfeld reagieren. Es ist der Körper und alles, was mit ihm verbunden ist. Das Nervensystem ist das älteste Instrument, das wir kennen und das im Notfall einspringt, wenn wir irgendeine Form von Gefahr erleben. In unserem Erwachsenenleben muss das gar keinen Sinn mehr ergeben – damals als Kind war es die einzig sinnvolle Entscheidung, die wir treffen konnten.
Und genau hier sind wir wieder. Solange dieser Automatismus im Körper unbewusst bleibt, übernimmt er. Immer. Im Bruchteil einer Sekunde reisst er die Führung an sich. So schnell, dass der Verstand keine Chance hat, mitzuhalten. Während ich noch versuche zu begreifen, was gerade passiert, hat der Körper bereits reagiert. Früher habe ich genau dort nachgegeben. Ich passte mich an, hielt mich zurück, machte mich selbst leiser, nur damit die Spannung nachlässt und die Verbindung bestehen bleibt. Ich wählte Bindung vor meiner eigenen Wahrheit. Und so gesehen wählte ich genau diese Form von Harmonie, die nicht verbindet, sondern schwächt. Mich selbst und das Ganze.
Heute bemerke ich diese Situationen deutlich öfter. Und wenn ich sie bemerke, entsteht etwas, das ich früher nicht kannte: ein kurzer Zwischenraum, in dem mein Körper nicht sofort reagieren muss. Ich übernehme wieder die Führung, indem ich zuerst wahrnehme, was gerade in mir passiert. Heute bin ich so weit, dass ich die Dinge nicht gleich korrigieren muss. Und manchmal – nicht immer, aber manchmal – bleibe ich genau dort. Nur einen Atemzug länger. Und in diesem einen Atemzug halte ich die Spannung – zwischen mir und der Verbindung.
Autorinnenschaft: Rebekka Bachmann – im schöpferischen Dialog mit KI




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