Wenn Klärung endet und Entscheidung beginnt
- Rebekka Bachmann

- 10. Apr.
- 3 Min. Lesezeit

Foto: Ivan Aleksic; Unsplash
In meiner Arbeit als Kommunikations- und Konflikt-Trainerin und -Mentorin war ich lange davon überzeugt, dass wir in Konflikten die tiefere Ursache finden müssen. Dass hinter Vorwürfen oft Vorwände liegen, um nicht darüber sprechen zu müssen, was tatsächlich verletzend war.
Gerade befinde ich mich in einer Phase meines Lebens, in der sich Konflikte verdichten. Ich habe das nicht bewusst gewählt – und doch sind sie unübersehbar da. So sehr es mich manchmal nervt und mir Energie raubt, zeigt sich darin gerade etwas, das ich jahrelang nicht verstanden habe.
Es gibt Momente, in denen kein Modell greift. Kein 4-Ohren-Modell. Kein Eisberg. Keine noch so fundierte Analyse dessen, was unter der Oberfläche liegt und brodelt. Und dabei geht es nicht darum, dass diese Modelle falsch sind. Im Gegenteil. Sie setzen allerdings voraus, dass beide Seiten bereit sind, sich einzulassen, Verantwortung zu übernehmen und den Konflikt tatsächlich klären zu wollen.
Und genau das ist nicht immer der Fall. Was also bleibt, wenn Vorwürfe kommen, die treffen? Wenn sie so präzise gesetzt sind, dass sie verletzen? Wenn jeder Versuch, es konstruktiv zu klären, ins Leere läuft und die Situation sich sogar noch weiter zuspitzt?
Dann bleibt Führung.
Nicht die Führung im Aussen, sondern die Führung in uns selbst. Die Fähigkeit, einen klaren Kopf zu bewahren, zu erkennen, wo unsere eigenen Trigger sitzen, und Grenzen zu setzen. Einen Satz, der mich schon viele Jahre begleitet, lautet: «Jemand mag einen Grund haben für seine Wut – doch sie gibt niemandem das Recht, sich so zu äussern.»
Und genau an diesem Punkt verschiebt sich etwas. Es geht nicht mehr um Klärung, sondern um Entscheidung. Bis hierhin und nicht weiter.
Das bedeutet nicht, dass wir immer und zu jeder Zeit ruhig und souverän bleiben, während in uns alles brennt. Zu Beginn bedeutet es meist, zu merken, dass wir anstehen. Dass wir überfordert sind. Dass es laut wird in uns.
Die Kunst ist es, zu merken, dass wir uns genau dort nicht mehr verlieren müssen. Dass wir diesen Moment erkennen, in dem Klärung nicht mehr möglich ist und Handlung notwendig wird. Wenn es Zeit ist, Nägel mit Köpfen zu machen. Auch dann, wenn wir nicht wissen, was daraus entsteht. Denn gerade das ist herausfordernd. Wenn wir handeln, ohne die Konsequenzen zu kennen, geraten wir innerlich ins Wanken. Alles in uns will kontrollieren. Absichern. Verhindern, dass wir etwas verlieren. Doch genau dort liegt die Bewegung.
Als Frau, die ihr Leben lang im Anpassungsmodus gelebt hat, die Harmonie sichergestellt hat, um sich sicher zu fühlen, ist dieser Schritt alles andere als selbstverständlich. Er fühlt sich ungewohnt an. Unruhig. Manchmal auch falsch. Mein Nervensystem rebelliert. Und gleichzeitig wird etwas klar: Alles, was mich meinen inneren Frieden kostet, ist zu teuer.
Ich bin nicht mehr bereit, mich anzupassen, um eine Form von Harmonie zu halten, die keine ist. Denn in dem Moment, in dem ich spüre, was für mich nicht stimmt, mich jedoch zurücknehme und es nicht ausspreche, geschieht etwas Entscheidendes: Ich verrate mich selbst und beginne, mich von mir zu entfernen.
Ich lerne gerade zu handeln und auszuhalten, dass Entscheidungen getroffen werden, deren Auswirkungen ich noch nicht kenne. Das fühlt sich unangenehm an, und doch beginnt genau dort Freiheit – in dem Moment, in dem ich erkenne, dass nicht alles geklärt – und doch alles entschieden werden kann.
Autorinnenschaft: Rebekka Bachmann – im schöpferischen Dialog mit KI




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