top of page

Nähe ist nicht gleich Nähe.


𝖭𝖺̈𝗁𝖾 𝗌𝖼𝗁𝖾𝗂𝗍𝖾𝗋𝗍 𝗇𝗂𝖼𝗁𝗍 𝖺𝗇 𝖿𝖾𝗁𝗅𝖾𝗇𝖽𝖾𝗋 𝖫𝗂𝖾𝖻𝖾 – 𝗌𝗈𝗇𝖽𝖾𝗋𝗇 𝖺𝗇 𝖾𝗂𝗇𝖾𝗋 𝖥𝗈𝗋𝗆 𝗏𝗈𝗇 𝖭𝖺̈𝗁𝖾, 𝖽𝗂𝖾 𝗎𝗇𝗌 𝗓𝗐𝗂𝗇𝗀𝗍, 𝗎𝗇𝗌 𝗌𝖾𝗅𝖻𝗌𝗍 𝗓𝗎 𝗏𝖾𝗋𝗅𝖺𝗌𝗌𝖾𝗇.


Lange dachte ich, Nähe sei etwas, das automatisch gut ist. Etwas, das verbindet. Etwas, das heilt. Und doch habe ich erlebt, dass Nähe mich nicht nur berührt, sondern mich auch langsam aus mir herausgezogen hat. Das geschah weder abrupt noch laut noch dramatisch. Ganz im Gegenteil: Es geschah leise und schleichend und oben drauf auf eine kaum bemerkbare Weise. Erst viel später begann ich zu verstehen, dass das nicht an mangelnder Liebe lag und auch nicht an fehlender Beziehungsfähigkeit. Sondern an der Art von Nähe, wie ich sie gelernt hatte und mit der ich mich mein Leben lang bewegt habe.


Denn in dieser Nähe lebte ein innerer Konflikt, den ich sehr gut kenne: «Meine eigene Wahrheit vs. Bindung.». Mit Wahrheit meine ich dabei nicht «Ehrlichkeit» im moralischen Sinn. Es geht auch nicht um das Aussprechen von Gedanken, Meinungen, Haltungen oder Bekenntnissen. Wahrheit bedeutete für mich etwas viel Subtileres: nämlich mit mir in Selbstkontakt zu bleiben. Zu mir zu stehen, auch während ich in Beziehung bin. Den eigenen inneren Zustand zu spüren, den Kontakt zu mir nicht zu verlieren, auch dann nicht, wenn Nähe entsteht und sich Verbindung und Zugehörigkeit zeigen.


Sehr lange war Nähe für mich ein Ort, an dem diese beiden Dinge scheinbar nicht gleichzeitig möglich waren. Entweder blieb ich nach aussen verbunden, zugewandt, im Kontakt mit jemandem – und verlor dabei langsam und leise den Zugang zu mir selbst. Oder ich blieb mir innerlich treu und riskierte, dass die Verbindung brüchig wurde oder gar abbrach. Die klassische Angst, Bindung (Liebe) zu riskieren, wenn ich mir selbst treu blieb. Dieses Spannungsfeld war kein Denkfehler, sondern ein Überlebensmuster.


Heute beginne ich zu erkennen, dass sich genau dieser Ur-Konflikt nicht nur im Feld der Beziehungen zeigt, sondern bereits in der Qualität von Nähe selbst. Erst allmählich wird mir klar, dass es zwei sehr unterschiedliche Formen von Nähe gibt – mit völlig unterschiedlicher Wirkung auf Körper, Nervensystem und Beziehung.


𝗡𝗮̈𝗵𝗲, 𝗱𝗶𝗲 𝗮𝗸𝘁𝗶𝘃𝗶𝗲𝗿𝘁

Diese Form von Nähe bringt Energie in Bewegung. Sie öffnet Felder, lädt zum Austausch ein, zum Erzählen, Reflektieren, Fühlen.


𝖳𝗒𝗉𝗂𝗌𝖼𝗁 𝗌𝗂𝗇𝖽:

💝 lange Gespräche

💝  gemeinsames Verstehen

💝  emotionales Teilen

💝  Verbundenheit durch Aktivität


Diese Nähe ist lebendig und meistens wunderschön. Und gleichzeitig kann sie – gerade in Phasen innerer Veränderung – mehr Energie verlangen, als wir tatsächlich zur Verfügung haben. Vor allem dann, wenn Nähe unbewusst zum Ort wird, an dem wir uns vermeintlich selbst halten müssen, damit die Verbindung bleibt.


𝗡𝗮̈𝗵𝗲, 𝗱𝗶𝗲 𝗶𝗻𝘁𝗲𝗴𝗿𝗶𝗲𝗿𝘁

Es gibt jedoch eine andere Form von Nähe, die ich erst gerade kennenlerne. Eine Nähe, die nichts aktiviert. Eine, die kein Feld öffnet. Die keinen Ausdruck verlangt. Sie wirkt nicht durch Austausch, sondern durch Gleichzeitigkeit. Durch Dasein. Durch das stille Wissen: Ich bin hier. Wir sind hier. Und das ist alles, was es gerade braucht.


Integrierende Nähe bringt etwas im Körper nach unten. Weg vom Kopf, weg vom dauernden Spüren-Müssen, hin zu Gewicht, Stand und Erdung. Aufmerksamkeit sammelt sich im Körper, anstatt sich nach aussen zu verteilen. So wird Kontakt möglich, ohne dass etwas erklärt, geteilt oder gelöst werden muss. Beziehung wird damit nicht zum Ort, an dem ich mich verliere, sondern zu etwas, das in meinem inneren Raum mit da sein darf.


Vielleicht kann ich diesen Unterschied so klar benennen, weil ich einen Grundkonflikt von tief innen kenne, den auch Fritz Riemann in seinem Buch «Die Grundformen der Angst» beschreibt: die Angst, sich selbst zu verlieren, wenn wir in Beziehung sind – und gleichzeitig die Angst, den Anschluss zu verlieren, wenn wir bei uns selbst bleiben.


Ich beginne zu sehen, dass sich genau dieser Konflikt in unseren Formen von Nähe widerspiegelt. Nähe, die aktiviert, zieht die Aufmerksamkeit nach aussen – zum Gegenüber, zur Verbindung, zur Bewegung. Das ist nicht falsch. Nur einseitig, wenn es nur diese Form gibt.


Nähe, die integriert, erlaubt mir, in Beziehung mit jemandem zu bleiben, während ich zugleich bei mir und mit mir selbst verankert bin.


Integrierende Nähe ist oft unspektakulär. Sie zeigt sich nicht in grossen Gesprächen oder tiefen Erkenntnissen, sondern in ganz einfachen Momenten:

💛 Nebeneinander sitzen

💛 Schulter an Schulter

💛 Die Füsse auf dem Boden

💛 Gemeinsam still sein

Ohne Gespräch. Ohne Ziel. Ohne Bedeutung. Wenn Worte kommen, dürfen sie da sein. Wenn nicht, ist auch das genug.


Und dann beginnt sich etwas neu zu ordnen: Das Nervensystem lernt, dass die Verbindung nicht an Leistung gebunden ist. Dass ich verbunden sein kann, ohne mich dabei selbst zu verlassen.


Für viele fühlt sich diese Form von Nähe zunächst ungewohnt an. Manchmal leer. Manchmal fast langweilig. Doch diese Langeweile ist kein Mangel. Sie ist Integrationsraum. Ein stiller Übergang, in dem nichts fehlt – sondern etwas landet.


Und vielleicht bedeutet diese leisere, ehrlichere, erwachsenere Form von Nähe am Ende etwas sehr Konkretes:

Dass ich mich nicht mehr zwischen meiner Wahrheit und der Bindung zu jemandem entscheiden muss . Dass Nähe kein Ort mehr ist, an dem ich mich selbst verlasse, um verbunden zu bleiben – und auch keiner, den ich verlassen muss, um bei mir zu sein.

Integrierende Nähe hält mich genau auf dieser Schwelle: Ich bleibe in Beziehung, ohne meine Energie aus mir heraus zu schieben. Und ich bleibe bei mir, ohne mich innerlich zurückzuziehen.


Vielleicht ist das der Raum, in dem dieser dritte Modus (aus meinem letzten Artikel) überhaupt möglich wird – dieses Bleiben ohne Selbstverlust, nach dem so viele von uns suchen, ohne ihn benennen zu können.


Nähe wird dann nicht mehr zum Risiko für meine Wahrheit. Und Wahrheit nicht mehr zur Bedrohung für die Bindung. Sondern beides beginnt, sich gegenseitig zu tragen.

Vielleicht ist genau das der Anfang eines anderen Erlebens von Nähe 💗.

Autorinnenschaft: Rebekka Bachmann – im schöpferischen Dialog mit KI

Kommentare

Mit 0 von 5 Sternen bewertet.
Noch keine Ratings

Rating hinzufügen
bottom of page