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Was unserer Zeit fehlt. Die Fähigkeit, Spannung zu halten.



Was unserer Zeit fehlt, ist keine neue Ethik, keine weitere Analyse und kein weiteres Narrativ darüber, wie wir sein sollten. Was fehlt, ist die Fähigkeit, Spannungen, Irritationen oder Unklarheiten zu halten – im eigenen Körper, in Beziehung und damit auch in den Systemen, die wir gestalten.


Diese Fähigkeit entsteht nicht auf der gesellschaftlichen Bühne und auch nicht in politischen Diskursen. Sie beginnt viel früher. Dort, wo wir alle beginnen: im unmittelbaren Kontakt mit Menschen, von denen wir abhängig sind.


Der Ursprung – warum wir lernen, unsere Wahrheit zurückzustellen

In der frühen Kindheit sind wir vollständig auf unser Umfeld angewiesen. Nahrung, Schutz und Zuwendung sichern unser Überleben. Was wir darüber hinaus brauchen, ist emotionale Sicherheit – das Gefühl, gehalten zu sein, auch wenn es im Feld unruhig wird.


Tauchen in Familiensystemen Spannungen auf, erlebt ein Kind diese nicht als «Konflikt» oder «Dynamik», sondern als körperlichen Stress. Spannung kann nicht eingeordnet, erklärt oder relativiert werden. Sie wird unmittelbar gespürt.


Ist diese Spannung im Raum präsent, unausgesprochen oder ungetragen, beginnt das kindliche System nach einem Weg zu suchen, wie Verbindung aufrechterhalten werden kann. Nicht aus Einsicht, sondern aus Überlebensinstinkt.


So entstehen frühe Anpassungsbewegungen. Das Kind beginnt, Stimmungen zu lesen, Zwischentöne wahrzunehmen, das Feld zu scannen. Eigene Impulse werden zurückgestellt, abgeschwächt oder verschoben, damit sich die Spannung nicht weiter verdichtet. Auf diese Weise wird Bindung gesichert. Denn Bindung bedeutet Sicherheit.


Hier liegt der erste, oft übersehene Wendepunkt: Um verbunden zu bleiben, stellen wir unsere eigene Wahrheit hinter die Beziehung.


Haltefähigkeit als Übernahme – wenn Kinder tragen, was Erwachsene nicht halten

Familiensysteme folgen impliziten Regeln. Sie definieren, was gesagt werden darf, was gefühlt werden kann und wohin Spannung wandert, wenn sie keinen Raum findet.


Kinder, die früh lernen, fremde Spannung zu halten, werden oft als «reif», «einfühlsam» oder «verantwortungsvoll» wahrgenommen. Was dabei leicht übersehen wird: Diese Fähigkeit entsteht häufig dort, wo Erwachsene selbst nicht ausreichend reguliert sind, um Spannung in sich zu halten.


Das Kind springt ein. Still. Loyal. Unbewusst.

Ich beginne zu verstehen, dass ich früh gelernt habe, Spannung zu übernehmen und zu halten, die ursprünglich nicht meine war. Nicht, weil mir jemand diese Aufgabe übertragen hätte, sondern weil mein System gespürt hat: Wenn ich diese Spannung halte, entlaste ich die Erwachsenen. Und damit bleibt eine sichere Verbindung möglich, die Halt gibt. Diese Erkenntnis beinhaltet keine Schuld, sondern zeigt auf, woher solche Dynamiken stammen.


Vom Familiensystem in die Welt – warum dieses Muster nicht endet

Dieses Muster endet nicht mit der Kindheit. Es professionalisiert sich. Es zeigt sich später in Freundschaften, Partnerschaften, Teams und Organisationen. In Meetings, in denen spürbar etwas in der Luft liegt, aber niemand es benennt. In Führung, die Harmonie wahrt, während Orientierung fehlt. In Teams, die Spannungen «wegmoderieren», statt sie gemeinsam zu tragen.


Denn Systeme bestehen aus Menschen. Und Menschen bringen ihre verkörperten Beziehungsmuster mit.


Was wir heute in vielen Systemen erleben – Überforderung, Polarisierung, moralische Aufladung, Druck – wirkt auf den ersten Blick wie ein Führungs- oder Strukturproblem. In der Tiefe handelt es sich um ein Regulationsproblem. Spannung entsteht schneller, als sie gehalten werden kann. Komplexität übersteigt die innere Haltefähigkeit vieler Systeme.


So geschieht auf kollektiver Ebene dasselbe wie einst im Familiensystem: Spannung wird weitergegeben. Nach unten, zur Seite, nach aussen. Zu jenen, die verfügbar sind. Beziehungsfähig. Geübt darin, solche spannungsgeladenen Felder zu stabilisieren, oft auf Kosten der eigenen inneren Wahrheit.


Mitarbeitende regulieren Führungskräfte. Teams regulieren Organisationen. Bürger regulieren politische Systeme. Und einzelne Menschen regulieren ganze Felder – oft bis zur Erschöpfung.


Die meisten von uns tun dies aus einer vermeintlichen Loyalität heraus, genau so wie wir es in unserem eigenen Familiensystem einst gelernt haben. Denn Spannung verschiebt sich – und sie sucht sich immer den Weg des geringsten Widerstands.


Wenn Spannung wandert – warum Manipulation so persönlich wirkt

Dort, wo jemand die eigene Spannung nicht halten kann, beginnt eine Verschiebung der Energie. Leise, subtil, oft kaum greifbar – und zeigt sich in solchen Momenten als Manipulation.


Manipulation ist dabei selten ein bewusster Akt. Sie ist in vielen Fällen ein Regulationsversuch. Ein Nervensystem, das innerlich keinen Halt findet, sucht ihn im Aussen.

Dies führt zu Fragen, die von innerer Unruhe geprägt sind und zu einer Erwartungshaltung, dass die Antwort den Fragesteller entlasten soll. Und oft wird Nähe gesucht, die den bestehenden, inneren Druck zu regulieren versucht. In solchen Fällen wird Beziehung zu einem Ort der Entladung.


Was beim Fragesteller zur Entladung führt, führt im Körper der empfangenden Person oft zu Enge, Druck. Zu einem vertrauten Impuls, sich zu erklären, jemanden zu beruhigen oder das angespannte Feld zu stabilisieren.


Manipulation wirkt deshalb so tief, weil sie an eine frühe Erfahrung anknüpft: an das Erleben, dass Verbindung davon abhängt, ob ich etwas trage, löse oder bereitstelle. Sie wird selten zuerst gedanklich erkannt, sondern körperlich.


Der Wendepunkt – wo Verantwortung wirklich beginnt

Was wir lernen dürfen, ist nicht, diese Dynamiken zu verurteilen, sondern sie zu erkennen – und an einer entscheidenden Stelle zu unterbrechen. Und zwar nicht, indem wir versuchen, den anderen zu verändern, sondern indem wir aufhören, diese Spannung für ihn zu tragen.


Reife beginnt dort, wo Menschen Spannung im eigenen System halten können, ohne sie weiterzugeben.

Individuell bedeutet das: innehalten, spüren, bleiben. Die eigene Körperreaktion wahrnehmen, ohne sie sofort zu erklären, zu lösen oder auszuagieren.


Systemisch bedeutet es: Räume zu schaffen, in denen Ambivalenz erlaubt ist. In denen Unsicherheit gehalten wird. In denen Unterschiedlichkeit bestehen darf. Führung entsteht dann nicht aus Druck, sondern aus innerer Stabilität. Damit findet kein Rückzug aus Beziehung statt, sondern öffnet einen Eintritt in eine reifere Form von Beziehung.


Unsere Zeitqualität – Druck, Kontrolle und Angst neu verstehen

Vielleicht liegt der eigentliche Engpass unserer Zeit nicht im Mangel an Lösungen, sondern im Mangel an Haltefähigkeit. Nicht im fehlenden Wissen, sondern in mangelnder Verkörperung. Nicht in zu wenig Wahrheit, sondern in zu wenig Sicherheit, um Wahrheit in Bindung zu halten.


Wir leben in einer Zeit, in der viele Systeme unter Druck stehen, weil zu viele Menschen zu viel Spannung tragen, die nicht ihre ist – und zu wenige gelernt haben, bei sich zu bleiben, wenn es unbequem wird.


Und vielleicht beginnt kollektiver Wandel genau dort: bei Menschen, die bereit sind, anwesend zu bleiben, wenn Spannung entsteht. Ohne sie weiterzugeben. Ohne sich selbst zu verlassen.

Autorinnenschaft: Rebekka Bachmann – im schöpferischen Dialog mit KI

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