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Der stille Vertrag der Sexualität – wo Nähe beginnt, sich selbst zu verlieren

𝙵𝚘𝚝𝚘 𝙲𝚛𝚎𝚍𝚒𝚝: 𝚃𝚑𝚊𝚕𝚒𝚊 𝚁𝚞𝚒𝚣 𝚊𝚞𝚏 𝚄𝚗𝚜𝚙𝚕𝚊𝚜𝚑.
𝙵𝚘𝚝𝚘 𝙲𝚛𝚎𝚍𝚒𝚝: 𝚃𝚑𝚊𝚕𝚒𝚊 𝚁𝚞𝚒𝚣 𝚊𝚞𝚏 𝚄𝚗𝚜𝚙𝚕𝚊𝚜𝚑.

Sexualität ist ein Ort, an dem sich Wahrheit und Bindung besonders nahekommen. Vielleicht wurde sie gerade deshalb früh zu einem Feld, das reguliert, bewertet und geordnet werden musste, lange bevor wir gelernt haben, ihr im eigenen Körper zu vertrauen. Was heute so selbstverständlich wirkt, ist in Wahrheit das Ergebnis einer langen kulturellen Prägung, die Sexualität Schritt für Schritt aus dem unmittelbaren Erleben herausgelöst und an Erwartungen geknüpft hat, bis kaum noch spürbar war, wo Empfindung endet und Anpassung beginnt.


Was wir heute erleben, ist kein natürlicher Zustand. Es ist das Resultat eines kulturellen Systems, das Sexualität über lange Zeit hinweg schrittweise aus dem Körper und aus der unmittelbaren Empfindung herausgelöst und in Erwartungen übersetzt hat – in Ziele, in Nachweise, in Abschlüsse. So wurde aus einem lebendigen Feld ein Ort, in dem etwas erreicht werden sollte, und genau daraus entstand ein stiller Vertrag, den kaum jemand je bewusst unterschrieben hat und den doch fast alle von uns bis heute erfüllen.


Frauen lernten in diesem Vertrag, ihre Lust zu regulieren. Spürbar zu sein, aber nicht zu sehr. Offen zu sein, aber nicht fordernd. Empfänglich zu sein und gleichzeitig überprüfbar zu bleiben. Männer lernten, ihre Lust zu vollenden, ständig bereit zu sein, wirksam und potent zu sein, etwas zu Ende zu bringen und damit zu beweisen, dass etwas gelungen ist. Auf diese Weise wurde der Orgasmus zu einem sichtbaren Zeichen, zu einem Marker, an dem sich Sicherheit und Qualität festmachten. Für den Mann als Beweis dafür, dass etwas funktioniert hat, für die Frau als Rückversicherung, dass mit ihr alles stimmt.


So warten beide bis heute auf dasselbe Signal, oft ohne es zu hinterfragen, nicht aus Lust und nicht aus Neugier, sondern aus einem inneren Druck heraus, der sich tief in die Körper eingeschrieben hat.


Was dabei fast unbemerkt verloren ging, war etwas Ursprüngliches: Zeit, Weite, Präsenz, Fluss, Lust und dieses offene Feld von Sexualität, in dem nichts erreicht werden muss, weder von ihr noch von ihm.


Dabei liegt in der ursprünglichen Verbindung von Weiblichem und Männlichem etwas zutiefst Schönes, Ganzes und zutiefst Heiliges. Das Männliche ermöglicht Struktur, Halt und Richtung, nicht als Kontrolle, sondern als Raum, in dem etwas geschehen darf. Das Weibliche trägt Bewegung, Fliessen und Ausdehnung, nicht als Chaos, sondern als lebendige, schöpferische Kraft.


Wenn beides sich in dieser ursprünglichen Qualität begegnet, geschieht etwas Seltenes. Formloses darf sich in eine Form ergiessen und wird gehalten, nicht begrenzt, sondern manifest. So entsteht etwas Drittes, etwas Lebendiges, etwas, das nicht gemacht werden kann und sich doch ereignet.


Auch in der Sexualität ist dieses Zusammenspiel möglich, doch genau dieses Zusammenspiel wurde über die Zeit ersetzt durch Rollen, Erwartungen und Leistung. Weibliche Lust wurde beobachtbar gemacht, männliche Lust abschlusspflichtig, und beide Körper verloren dabei die Erlaubnis, einfach da zu sein, hier und jetzt, in diesem einen Moment der Verbindung.


Ich habe es selbst erlebt, nicht in der Theorie, sondern im eigenen Körper. In einem Moment, der eigentlich schön war und sich plötzlich eng anfühlte. Gar nicht, weil per se etwas falsch gelaufen wäre, sondern weil mit einer einzigen Frage ein alter Vertrag auf dem Tisch lag. Ein Vertrag, den weder ich noch mein Körper jemals unterschreiben wollte. In mir stiegen Wut, Traurigkeit und eine tiefe Frustration auf. Nichts an diesem emotionalen Mix war gegen einen Menschen gerichtet, sondern gegen ein System, das selbst in intimsten Momenten fragt, ob es gereicht hat, ob der Orgasmus da war, ob das Ziel erreicht wurde.


Es dauerte einen Moment, ehe ich begriff, dass mein Körper sich nicht gegen Nähe gewehrt hatte, sondern gegen Bewertung. Denn erst dort, wo nichts erwartet wird, beginnt ein Körper aufzublühen. Dort, wo kein Ziel gesetzt wird, wird Lust weit. Dort, wo Zeit ihre Bedeutung verliert, geschieht Tiefe. Leise, unspektakulär und zugleich vollkommen.

Wenn der Orgasmus aus dem Mittelpunkt rückt, verarmt Sexualität nicht. Sie wird reicher, weiter und erwachsener. Dann darf weibliche Lust wellenförmig sein, sammelnd, lauschend, offen, und männliche Lust darf verweilen, anwesend bleiben, ohne ständig auf Entladung ausgerichtet zu sein.


Vielleicht ist es an der Zeit, diesen schlechten Vertrag zu kündigen, nicht um Lust abzuschaffen und auch nicht um den Orgasmus zu entwerten, sondern um Sexualität aus der Leistungslogik zu lösen. Denn die Qualität von Sexualität liegt nicht im Höhepunkt, sie liegt im Davor, im Spüren, im Dasein, im Fliessen, im Geniessen – im gemeinsamen Feld ohne Abnahmeprüfung.


Was geschieht mit uns, wenn nichts von uns erwartet wird, wenn keine Rolle erfüllt, kein Ziel erreicht und kein Beweis erbracht werden muss? Vielleicht beginnt sich dann etwas zu entspannen, ganz leise und unspektakulär. Vielleicht erinnert sich das Weibliche wieder an seine Weite, an seine Fähigkeit zu fliessen, zu lauschen, zu empfangen, sich hinzugeben, ohne sich zu verlieren. Und vielleicht erinnert sich das Männliche an seine Präsenz, an sein ruhiges Dasein, an die Kraft, einfach zu halten, ohne etwas vollenden zu müssen.


Vielleicht entsteht in diesem Raum eine andere Qualität von Begegnung. Eine Sexualität, die nicht antreibt und nicht bewertet, sondern eine, die trägt – und zwar beide Partner gleichermassen. Eine, die sich nicht beweisen muss und gerade deshalb wahr wird. Eine Sexualität, die Zeit hat, die sich ausdehnen darf, die keine Richtung kennt und doch Tiefe findet, weil niemand gedrängt wird, irgendwo anzukommen.


Und vielleicht berührt Sexualität genau dort etwas, das viele von uns sehr gut kennen: diesen feinen inneren Punkt, an dem wir beginnen, uns anzupassen, etwas zu geben oder zu leisten, um Verbindung nicht zu gefährden. Vielleicht geschieht auch hier oft dasselbe wie in Beziehungen – wir bleiben körperlich anwesend, während wir uns innerlich ein Stück verlassen, nur um Nähe zu sichern. Und vielleicht liegt die eigentliche Erinnerung darin, dass Verbindung nicht dort entsteht, wo wir uns verlieren, sondern dort, wo wir bei uns bleiben dürfen. Wo Wahrheit keinen Preis hat. Wo Nähe nicht an Anpassung gebunden ist. Und wo Sexualität wieder zu dem werden darf, was sie im Ursprung ist: ein lebendiger Raum, in dem wir nichts von uns weggeben müssen, um verbunden zu sein.

Autorinnenschaft: Rebekka Bachmann – im schöpferischen Dialog mit KI

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