Warum Wahrheit so schwer zu tragen ist – und was Angst mit uns macht
- Rebekka Bachmann

- 15. Feb.
- 3 Min. Lesezeit

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In den letzten Jahren ist mir etwas immer klarer geworden, und es berührt mich bis heute. Wahrheit scheitert selten an Informationen. Sie scheitert nicht daran, dass es keine Hinweise gäbe, keine Recherchen, keine Zeugnisse, keine Stimmen. Wahrheit scheitert dort, wo sie innerlich nicht gehalten werden kann.
Wir konnten das während Corona beobachten. Wir sehen es heute bei Themen wie Epstein. Und vermutlich hat jede Zeit, jede Generation ihre eigenen Beispiele. Menschen recherchieren, tragen Fakten zusammen, legen Zusammenhänge offen, bringen Beweise ein – und dennoch geschieht oft nichts. Keine echte Aufarbeitung. Keine Konsequenzen. Stattdessen Abwehr, Spaltung, Verhärtung, Ermüdung.
Warum ist das so?
Argumentenschlachten mussten scheitern, nicht weil es keine Argumente gab, sondern weil niemand auf der Ebene sprach, auf der die eigentliche Not längst wirksam war. Während wir erklärten, belegten, widerlegten und versuchten, einander zu überzeugen, war etwas anderes längst aktiv: Angst. Ohnmacht. Der Verlust von innerem Halt. Und ich merke heute, wie sehr auch ich Teil davon war.
Ich habe argumentiert, wo ich eigentlich hätte sagen müssen, dass ich Angst habe. Angst davor, mich zu irren. Angst davor, Autoritäten vertraut zu haben, die vielleicht nicht getragen haben. Angst davor, dass das, was ich als sicher empfunden hatte, brüchiger ist, als ich wahrhaben wollte. Ich habe gesprochen, aber selten von meiner eigenen Not. Und genau dort lag der Bruch.
Während Corona wurden – wie Daniele Ganser es einmal sehr präzise benannt hat – mindestens drei existentielle Ängste gleichzeitig berührt: die Angst vor dem Tod, die Angst vor dem Verlust der eigenen Existenz und die Angst vor dem Verlust von Freiheit. Menschen lebten nicht in unterschiedlichen Meinungen, sie lebten in unterschiedlichen Angstrealitäten. Und wer in Todesangst lebt, hört andere Worte als jemand, der um seine wirtschaftliche Existenz bangt. Wer Freiheitsverlust spürt, nimmt andere Signale wahr als jemand, der sich nach Schutz und Sicherheit sehnt.
Solange diese Ängste nicht benannt werden, solange sie keinen Raum bekommen, kann kein Dialog entstehen. Dann reden Menschen aneinander vorbei, nicht aus Böswilligkeit, sondern weil ihre Nervensysteme mit völlig unterschiedlichen Bedrohungen beschäftigt sind. Argumente konnten gar nicht greifen, weil sie an einer Ebene ansetzten, auf der die eigentliche Erschütterung nicht lag.
Was dann geschieht, ist zutiefst menschlich. Wenn Angst gross wird, suchen wir Halt. Und Halt finden wir in solchen Momenten selten in Wahrheit, sondern in Zugehörigkeit. Zur eigenen Gruppe. Zum eigenen Narrativ. Zu jenen, die Sicherheit versprechen. Alles, was diese Zugehörigkeit infrage stellt, wird abgewehrt – nicht, weil Menschen dumm oder schlecht wären, sondern weil ihr inneres System sagt: Das kann ich gerade nicht halten.
So wird es leichter, unbequeme Wahrheiten zu relativieren, als die innere Erschütterung auszuhalten, die sie mit sich bringen würden. Denn wenn etwas wahr wäre, dann müsste sich etwas verändern. Im eigenen Selbstbild. Im Vertrauen. In Loyalitäten. Vielleicht auch in der Frage, wo man selbst gestanden hat.
In solchen Situationen geschieht etwas besonders Tragisches. Nicht die Tat wird zum eigentlichen Problem, sondern der Mensch, der davon spricht. Überlebende werden infrage gestellt. Überbringer von Informationen werden diskreditiert. Nicht zwingend, weil ihre Aussagen falsch sind, sondern weil sie zu viel innere Konsequenz verlangen würden. Wenn das wahr wäre, dann dürfte man nicht einfach weitermachen wie bisher. Und dafür fehlt oft der innere Halt.
Was mir heute klarer ist als damals: Solange wir unsere eigene Not nicht aussprechen, bleiben wir im Kampf. Solange wir sagen «du musst doch sehen, dass …» oder «die Fakten zeigen doch …», sprechen wir an der Stelle vorbei, an der Verbindung möglich wäre. Denn diese Sätze mögen inhaltlich stimmen, sie erreichen jedoch kein Nervensystem, das gerade um Sicherheit ringt.
Was Verbindung schaffen könnte, wäre etwas anderes. Zu sagen: «Ich habe Angst, dass wir uns verlieren.» Oder: «Ich habe Angst, dass ich falsch liege, und trotzdem kann ich nicht wegsehen.» Oder: «Ich halte diese Unsicherheit kaum aus.» Das sind keine Argumente. Das sind Angebote zur Begegnung.
Was wir individuell nicht halten können, reproduzieren wir kollektiv. Wenn wir Angst nicht benennen, wird sie politisiert. Wenn wir Ohnmacht nicht fühlen, wird sie moralisiert. Wenn wir Unsicherheit nicht tragen, wird sie bekämpft. So entstehen Spaltung, Lager, Feindbilder – nicht, weil wir uns hassen, sondern weil wir uns innerlich verloren haben.
Vielleicht liegt ein möglicher Anfang nicht darin, noch mehr zu beweisen oder lauter zu werden, sondern anders zu sprechen. Nicht über Recht und Unrecht, sondern über Angst, Not und Überforderung. Wahrheit braucht innere Sicherheit. Und innere Sicherheit entsteht dort, wo Menschen lernen, ihre eigene Angst zu halten und sie auszusprechen, ohne den anderen zum Gegner zu machen.
Vielleicht ist das kein schneller Weg. Aber vielleicht ist es der einzige, der uns wieder in Beziehung bringt.
Autorinnenschaft: Rebekka Bachmann – im schöpferischen Dialog mit KI




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