Wenn Meinungen zu Identität werden – und warum echter Dialog heute so schwer fällt.
- Rebekka Bachmann

- vor 6 Tagen
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Neulich war ich an einem Anlass, einem Abend mit guten Gesprächen, vertrauten Menschen und einer grundsätzlich wohlwollenden Atmosphäre. Wieder einmal kam eine Vielzahl jener Themen auf den Tisch, die unsere Zeit prägen und zugleich so stark polarisieren: Corona, der Krieg in der Ukraine, Trump, Russland, Klima-Politik, Gender-Debatten, Elektromobilität, die AfD, Medien, Macht. Und wieder einmal endete die Diskussion in einer emotional aufgeladenen Situation, aus der niemand wirklich herausfand – ein Gefühl von Sackgasse, das mich auch nach dem Abend nicht mehr losgelassen hat.
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Aus meiner Kindheit kenne ich eine andere Qualität von «Debatte». Wir sassen als Familie am Tisch und diskutierten – manchmal hart, sehr leidenschaftlich und immer wieder kontrovers. Nicht selten fanden wir keinen Konsens. Ja, wir wollten einander überzeugen, ja, es wurde hitzig, ja, die Stimmen erhoben sich, und manchmal fiel es schwer loszulassen, dass wir scheinbar nicht überzeugen konnten. Doch irgendwann kamen wir zu einem schlichten, aber tragfähigen Schluss: Wir sind uns einig, dass wir uns uneinig sind. Dann wurde das Thema beiseitegelegt, und wir kehrten zurück zur gemeinsamen Zeit, zum Essen, zum Lachen, zur Verbindung. Wir wussten, dass wir zusammengehörten, selbst dann, wenn wir uns uneinig waren. Diese Fähigkeit, Unterschiedlichkeit auszuhalten, vermisse ich in heutigen Diskussionen schmerzlich.
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Bei Themen wie Corona, Krieg, Klima, Gender, Elektromobilität u.a. scheint es heute kaum noch eine gemeinsame Gesprächsbasis zu geben. Das liegt nicht daran, dass Menschen dumm, böswillig oder ideologisch verblendet wären, sondern daran, dass Dialoge zunehmend an einer unsichtbaren Grenze stehen bleiben. Egal, wo ich diesen Gesprächen begegne – in Familien, Freundschaften, Unternehmen, Kommentarspalten oder öffentlichen Debatten – und, wenn ich ehrlich bin, sogar in mir selbst: Sobald diese Themen auftauchen, verändert sich etwas Grundlegendes im Raum. Menschen hören nicht mehr wirklich zu. Sie reagieren, verteidigen, ziehen sich zurück oder gehen in den Angriff. Sie schmeissen sich Argumente an den Kopf, ohne dass diese wirklich ankommen. Und sehr bald fallen Begriffe wie Aluhut, Verschwörungstheoretiker, Nazi, Putin-Versteher oder Schlafschaf. Mit solchen Worten ist ein Gespräch faktisch beendet. Und zwar auf der Stelle.
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Diese Begriffe wirken wie Totschlag-Argumente. Sie tauchen genau dann auf, wenn die Fähigkeit verloren geht, mit jemandem in einer echten Auseinandersetzung zu bleiben – selbst dann, wenn die Meinungen um 180 Grad auseinanderliegen. Wo solche Etiketten greifen, endet nicht nur der Dialog, sondern auch die Bereitschaft, den anderen noch als gleichwertigen Gesprächspartner wahrzunehmen. Je länger ich das beobachte, desto klarer wird mir: Das ist kein Meinungsproblem. Es ist auch kein Bildungs- oder Intelligenzproblem. Es ist ein Identitätsproblem.
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Viele dieser Themen sind längst keine Sachfragen mehr, sondern Marker für Zugehörigkeit, für moralische Sicherheit und für das tiefe Bedürfnis, auf der «richtigen Seite» zu stehen. Das liegt weniger an den Themen selbst als an dem gesellschaftlichen Klima, in dem sie heute verhandelt werden. In einer Zeit, in der tragfähige Orientierungen brüchig geworden sind – stabile Familienstrukturen, verbindliche Gemeinschaften, kulturelle Selbstverständlichkeiten –, übernehmen politische und moralische Positionen zunehmend eine Funktion, die früher über Beziehungen getragen wurde.
Früher entstand ein Weltbild in überschaubaren, persönlichen Räumen. Man stritt am Familientisch, im Dorf, im Freundeskreis – mit Menschen, zu denen man gehörte, auch wenn man sich nicht einig war. Zugehörigkeit war stabil genug, um Unterschiedlichkeit auszuhalten. Ein anderes Denken stellte eine Meinung infrage, nicht die eigene Existenz im Gefüge. Das Weltbild konnte wanken, ohne dass die Bindung sofort zerbrach, weil es gehalten war von Namen, Gesichtern, Beziehungen und gemeinsamer Geschichte.
Heute werden diese Fragen in öffentlichen Räumen beantwortet. Wer bin ich? Wofür stehe ich? Wo gehöre ich dazu? Nicht mehr primär in Beziehung, sondern über Haltung, Sichtbarkeit und Übereinstimmung. Social Media verstärkt diese Dynamik massiv: Meinungen werden öffentlich bewertet, gelikt, geteilt oder sanktioniert, Abweichungen markiert und moralisch eingeordnet. Was früher im geschützten Raum verhandelt wurde, steht heute unter permanenter Beobachtung.
Das Weltbild wird damit zur inneren Sicherheitsstruktur. Gerät es ins Wanken, wankt nicht einfach eine Überzeugung, sondern das Gefühl von Orientierung, Zugehörigkeit und innerer Stabilität. Und weil es kaum noch tragfähige Beziehungsräume gibt, die diesen Bruch abfedern könnten, wird sozialer Ausschluss, moralische Abwertung oder öffentliches Beschämen als existenziell erlebt. Genau deshalb werden Abweichungen heute so schnell als Bedrohung empfunden – nicht, weil Menschen intoleranter geworden sind, sondern weil der Halt, der Unterschiedlichkeit früher getragen hat, vielerorts fehlt.
In einer solchen permanenten Öffentlichkeit wird jede Abweichung sichtbar. Zustimmung wird belohnt, Abweichung markiert – nicht immer offen, aber spürbar. Andersdenken fühlt sich deshalb nicht mehr nach Widerspruch an, sondern nach dem Risiko, den eigenen Platz zu verlieren.
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Was mich an dieser fehlenden Dialogfähigkeit so tief berührt, ist vielleicht auch deshalb, weil sie einen Konflikt sichtbar macht, der mich seit jeher begleitet: den Konflikt zwischen Wahrheit und Bindung – zwischen dem Bedürfnis, wahr zu sein, mit allem, was ich bin und denke, und der Angst, genau dadurch Verbindung und Zugehörigkeit zu verlieren.
Ich kenne diese innere Spannung nicht nur aus gesellschaftlichen Debatten, sondern aus sehr persönlichen Erfahrungen. Und genau deshalb erkenne ich sie heute so klar im kollektiven Feld. Denn was wir gerade erleben, ist die Zuspitzung einer alten menschlichen Frage unter neuen Bedingungen: Darf ich meiner eigenen Wahrnehmung trauen und sie auch äussern – und bleibe ich dann trotzdem noch zugehörig?
Diese Frage ist nicht neu. Neu ist, wie wenig Halt es heute gibt, wenn sie auftaucht. Wo Bindung an Übereinstimmung gekoppelt ist, wird Wahrheit riskant. Und wo Wahrheit riskant wird, entsteht Anpassung, Abwehr oder Kampf – nicht, weil Menschen unfähig wären, sondern weil sie versuchen, Zugehörigkeit zu sichern. Echter Dialog wird so selten, weil zu viel auf dem Spiel steht. Und genau hier entsteht eine Lücke. Eine Lücke dort, wo eigentlich Beziehung, Halt und innere Sicherheit tragen müssten.
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Diese Lücke bleibt nicht leer. Wo Bindung fehlt oder brüchig geworden ist, entsteht ein starkes Bedürfnis nach Orientierung, Klarheit und Zugehörigkeit. Und genau an diesem Punkt setzt das an, was ich als Manipulation bezeichnen würde – nicht im Sinne einer geheimen Verschwörung oder einzelner Akteure, sondern als ein strukturelles Wirkprinzip, das immer dort greift, wo Menschen verunsichert sind und nach Halt suchen.
Manipulation wirkt dabei nicht primär über Lügen, sondern über die gezielte Vereinfachung von Komplexität. Sie bietet klare Deutungen, eindeutige Rollen und moralische Orientierung in Situationen, die eigentlich Ambivalenz, Unsicherheit und gemeinsames Ringen erfordern würden. Nicht die Frage: «Was ist wahr?» steht dann im Vordergrund, sondern «Was gibt mir Sicherheit?».
Angst ist in diesem Zusammenhang kein Zufallsprodukt, sondern ein hochwirksames Steuerungsmittel. Sie verengt Wahrnehmung, reduziert Differenzierungsfähigkeit und erhöht die Bereitschaft, klare Anweisungen zu befolgen. Spaltung wird dabei nicht nur in Kauf genommen, sondern stabilisiert das System: Wer dazugehört, fühlt sich sicher – wer abweicht, gerät unter Druck. Moral wirkt hier wie ein Verstärker, weil sie nicht diskutiert, sondern verteidigt wird.
Wenn Angst moralisch aufgeladen wird – durch implizite Botschaften wie «Wenn du das anders siehst, gefährdest du andere oder stehst auf der falschen Seite» – wird Widerspruch zu einem Risiko. Zweifel fühlen sich dann nicht mehr wie Nachdenken an, sondern wie Schuld. Fragen wie Illoyalität. Und Dialog wie eine Bedrohung der eigenen Zugehörigkeit.
In einem solchen inneren Klima folgen viele Menschen Deutungen und Positionierungen, die ihnen Orientierung und Sicherheit geben – selbst dann, wenn sie diese unter anderen Umständen stärker hinterfragt hätten. Nicht aus Gedankenlosigkeit, sondern weil ihr Nervensystem auf Halt, Klarheit und Zugehörigkeit ausgerichtet ist.
Das Unbequeme daran ist: Aus diesem Zustand heraus lässt sich niemand überzeugen. Nicht mit Fakten, nicht mit Studien und nicht mit besseren Argumenten. Ein reguliertes Nervensystem ist die Voraussetzung für Reflexion – nicht ihr Ergebnis.
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Und an genau diesem Punkt lande ich wieder bei mir selbst. Denn auch ich kenne diesen Moment sehr gut, in dem sich innerlich etwas zusammenzieht – wenn Wut aufsteigt, Ohnmacht, Trauer oder das dringende Bedürfnis, recht zu haben und mich abzugrenzen.
Lange dachte ich, Dialog beginne dort, wo wir die richtigen Worte finden oder die besseren Erklärungen liefern. Wo wir klüger argumentieren, sachlicher bleiben oder überzeugender auftreten. Heute glaube ich etwas anderes. Der Weg aus der Spaltung führt nicht nach aussen. Er führt zuerst nach innen.
In dem Moment, in dem ich innehalte und ehrlich spüre, was dieses Thema gerade mit mir macht – welche Angst berührt wird, welches Bedürfnis verteidigt, welche Unsicherheit aktiviert –, entsteht etwas, das vorher nicht da war. Ein kleiner innerer Raum. Ein Atemzug. Ein Spalt zwischen mir und meiner Meinung.
Und vielleicht, ganz leise, auch die Fähigkeit, zu erkennen, dass es dem anderen gerade ähnlich geht. Auch dort Angst. Auch dort Schutz. Auch dort ein Nervensystem, das um Sicherheit ringt. Dialog beginnt nicht bei Übereinstimmung und auch nicht bei Kompromissen.
𝗩𝗶𝗲𝗹𝗹𝗲𝗶𝗰𝗵𝘁 𝗯𝗲𝗴𝗶𝗻𝗻𝘁 𝗗𝗶𝗮𝗹𝗼𝗴 𝗱𝗼𝗿𝘁, 𝘄𝗼 𝘄𝗶𝗿 𝘂𝗻𝘀 𝗲𝗿𝗹𝗮𝘂𝗯𝗲𝗻, 𝘂𝗻𝘁𝗲𝗿𝘀𝗰𝗵𝗶𝗲𝗱𝗹𝗶𝗰𝗵 𝘇𝘂 𝗱𝗲𝗻𝗸𝗲𝗻 – 𝘂𝗻𝗱 𝘁𝗿𝗼𝘁𝘇𝗱𝗲𝗺 𝗶𝗻 𝘂𝗻𝘀 𝘀𝗶𝗰𝗵𝗲𝗿 𝘇𝘂 𝗯𝗹𝗲𝗶𝗯𝗲𝗻, 𝗮𝘂𝗰𝗵 𝘂𝗻𝗱 𝗴𝗲𝗿𝗮𝗱𝗲 𝗱𝗮𝗻𝗻, 𝘄𝗲𝗻𝗻 𝘂𝗻𝘀𝗲𝗿 𝗚𝗲𝗴𝗲𝗻𝘂̈𝗯𝗲𝗿 𝗱𝗶𝗲 𝗗𝗶𝗻𝗴𝗲 𝗮𝗻𝗱𝗲𝗿𝘀 𝘀𝗶𝗲𝗵𝘁.
Autorinnenschaft: Rebekka Bachmann – im schöpferischen Dialog mit KI




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